Bericht - die
letzten zwölf Stunden:
Favorit setzt sich durch - Teil 2
Die zweite
Rennhälfte des 34. ADAC Zürich 24h-Rennens am Nürburgring
begann ohne nennenswerte Zwischenfälle relativ ruhig, was
eher ungewöhn-lich ist. Schließlich ist die Devise bei vielen
Teams: Die ersten zwölf Stunden fahren wir konstant durch
und dann greifen wir an. Von dieser weit ver-breiteten Haltung
war jedoch wenig zu spüren, außer dem Unfall des "Sex Bomb"-Porsche
gab es kaum etwas zu berichten. Vorne zogen unbeirrt die
Porsches von Manthey Racing und Alzen Motorsport ihre Kreise
und fuhren dem restlichen Feld, zu diesem Zeitpunkt noch
angeführt vom Land-Porsche, davon.
Interessant zu beobachten war die Performance der BMW 120d
von Schubert Motorsport. Nachdem das zweite Fahrzeug im
Freitagstraining noch einen heftigen Crash hatte und durch
eine schrauberische Meisterleistung doch an den Start gebracht
wurde, spulte das erste, top-besetzte Fahrzeug problem-los
eine Runde nach der anderen ab. Zu Beginn der zweiten Rennhälfte
lag der 120d von Hürtgen/Hennerici/Stuck/Schubert bereits
auf dem 9. Gesamt-rang, aber es sollte noch besser werden!
Der einzige im Feld verbliebene "Lambo-Racing" Lamborghini
Gallardo drehte nach leichten Anfangsschwierigkeiten mittlerweile
ebenfalls problemlos seine Runden, außer einer losen Frontspoilerbefestigung
gab es keinerlei Grund zur Besorgnis.
Die erste Hiobsbotschaft für ein Top-Team musste das Team
des Getrag-BMW hinnehmen. Um 4:30 Uhr beendete ein Motorschaden
die bis dahin glanzvolle Vorstellung von Bäder/Hagenmeyer/Schall/Gedlich.
Ebenfalls in der Nacht musste die Besetzung der Zakspeed-Viper
mit der Startnummer 3 die Segel streichen. Neben den bereits
in der ersten Renn-hälfte auftretende Temperaturproblemen
war das Getriebe defekt, sodass jegliche Hoffnungen auf
einen vorderen Platz unbegründet gewesen wären. Das zweite
Viper-Eisen im Feuer der Zakspeed-Mannschaft fuhr ebenfalls
nicht problemlos: Um etwa 6:30 Uhr vergaß man beim Boxenstopp
den Tankdeckel zu schließen, woraufhin das "Reptil" auf
der Grand-Prix-Strecke viel Benzin verlor. Nach einem Zusatz-Tankstopp
und dem kurzzeitigen fünften Platz lag man aber schon kurz
darauf wieder auf dem angestammten vierten Gesamtrang.
Am Sonntagmorgen dann sollte es aber auch kleinere Problemchen
beim führenden Manthey-Porsche geben, sollte es etwa noch
einmal eng werden um den Sieg? Etwa um halb Sieben stellten
sich Motoraussetzer ein, die mit einem außerplanmäßigen
Boxenstopp durch eine Änderung der Motorelek-tronik jedoch
behoben werden konnten. Kaum eine Stunde später kämpfte
Timo Bernhard dann mit einem schleichenden Plattfuß vorne
links, konnte sich aber noch zur Box zurückschleppen. Nach
rund zwei Minuten fieber-hafter Arbeit am linken vorderen
Radkasten konnte Mike Rockenfeller das Steuer übernehmen
und die Fahrt fortsetzen. Zur selben Zeit hört man aus dem
Mund von Jürgen Alzen beruhigendere Worte: "Wir haben bis
jetzt sozusagen keine Schraube anfassen müssen - es läuft
ganz rund.", so der Teamchef und Fahrer von Alzen Motorsport.
Gegen 9.30 Uhr wurden dann aber auch im Siegerländer Rennstall
die ersten Schrauben angefasst, der "große Service" stand
an: Neben dem Fahrer wurden nach 116 Runden auch das Öl
und die Bremsbeläge gewechselt, um für die letzten Stunden
kein Risiko einzugehen. Kurz nach dem Mittagessen wird es
dann beim Erst- und Drittplatzierten dramatisch. Beim führenden
Manthey-Porsche war ein Stabi gebrochen, im Rahmen eines
Boxenstopps konnte dieser Defekt jedoch problemlos behoben
werden.
Zur selben Zeit setzten im Bereich Tiergarten Streckenposten
alles daran, das brennend gestrandete Auto von Land Motorsport
zu löschen. "Wir hatten ein Motorproblem. Der Kurbelgehäusedruck
hat sich erhöht. Das kann bei einem 24-Stunden-Rennen normal
sein. Doch dann hatte ich Rauch im Auto und musste die Tür
aufreißen. Ich habe dann auch mehrere Warnmeldungen gesehen.
Zudem habe ich gar nicht gemerkt, dass es brennt. (...)
Wir haben keine Möglichkeit mehr, den Schaden zu beheben.
(...)", gibt der zum Zeit-punkt des Ausfalls am Steuer befindliche
Marc Basseng kurz darauf zu Protokoll.
Durch den Ausfall des Land-Porsches war für die zweite Zakspeed-Viper
der Weg frei zum Podium. Die Besatzung derselbigen hätte
sich sicherlich nie erträumen lassen, dass diese Platzierung
realistisch wäre, aber letztendlich fuhr man um 15 Uhr mit
neun Runden Rückstand auf den Manthey-Porsche diesen dritten
Gesamtrang ins Ziel. An der Spitze tat sich ebenfalls nichts
mehr. Obwohl der Manthey-Porsche den Markenkollegen aus
dem Alzen-Rennstall noch locker ein zweites Mal hätte überrunden
können, blieb es im Ziel beim Rundenabstand.
Erwähnenswert ist der fünfte Gesamtrang des verbliebenen
Schubert BMW 120d. Mit "nur" rund 250 PS, allerdings einer
bärenstarken Fahrerbesetzung und keinerlei Zwischenfälle
holte man nicht nur den Sieg in der Diesel-Klasse sondern
ebenfalls eine Gesamtplatzierung, mit der niemand hätte
rechnen können. Mit nur vier Runden Rückstand auf die drittplatzierte
Viper von Huppert-Nieder/Gerhard/Riebensahm/Mohr war man
dabei aber keineswegs auf "Sparflamme" unterwegs. Die großartige
Team-Leistung von Schubert Motors lässt darauf hoffen, dass
das beim drittnächsten VLN-Lauf erstmals eingesetzte BMW
Z4 M Coupé eine echte Bereicherung im Spitzenfeld der 24h
2007 werden könnte.
Zurück zur Spitze: Mit dem Sieg realisierte sich für das
Team von Olaf Manthey ein lang ersehnter Erfolg nach vielen
Rückschlägen, vor allem im letzten Jahr. Die Favoritenrolle
war klar, aber die 24h Nordschleife sind niemals vorhersehbar
und die Manthey-Truppe hat ausgezeichnete Arbeit geleistet.
Olaf Manthey zeigte sich nach dem Rennen überglücklich:
"Auf der ganzen Welt konnte ich in diesen drei Jahrzehnten
Rennsiege erzielen. Aber wie oft ist mir dieses Rennen durch
die Finger geglitten!". Der Teamchef aus Bonn ergänzt, "Diesen
Sieg verdanke ich einer großartigen Mannschaft und einem
tollen Fahrerteam - wirklich alle sind dieses Projekt mit
so viel Herzblut angegangen. Das ist ein unglaubliches Gefühl."
Uwe Alzen vom zweitplat-zierten Team suchte bereits Gründe,
warum es nur zu Platz 2 reichte: "Wir haben das ganze Rennen
über 100 Prozent gegeben. Leider hat es am Ende nicht zu
Sieg gereicht, weil wir vom Fahrzeug her etwas zu konservativ
ins Rennen gegangen sind."
Der dritte Platz für die zweite Zakspeed-Viper bedeutete
gleichzeitig den Klassensieg in der Klasse SP8. Der ebenfalls
in dieser Klasse gestartete Holden des australischen Mirage-Teams
fiel bereits in der ersten Rennhälfte aus.
Äußerst erfolgreich verlief das 24h-Rennen auch für Honda:
Im Honda Civic Type-R Cup, bei dem das 24h-Rennen auch zur
Meisterschaft gehört, konnte das VLN-Junior-Team bestehend
aus Christoph Breuer, Benjamin Koske und Demian Schaffert
den Sieg einfahren. In der Klasse für seriennahe Diesel-fahrzeuge
über zwei Liter Hubraum war die Fahrerbesetzung Herrmann/
Mansfeld/Kather/Leue auf dem neuen Honda Civic Diesel erfolgreich.
Auch bei den seriennahen Fahrzeugen bis zwei Liter Hubraum
war ein Honda erfolgreich: Das neuseeländische Fahrergespann
McIntyre/Martin/Eady/Taylor landete hier mit einem Honda
Civic Type R den Sieg. Die beste Gesamt-platzierung erreichte
für Honda aber nicht etwa einer der NSX, sondern mit dem
15. Gesamtrang der Civic Type R von Peter Venn, Kai Riemer,
Jörg Chmiela und Franz Fabian.
Anzumerken ist noch das durchweg gute Wetter, lediglich
bei den ersten Trainingssessions hatte es etwas geregnet,
doch die gesamten 24 Stunden fanden bei sonnigen Witterungsbedingungen
und sommerlichen Temperaturen statt. Damit wird den Veranstaltern
recht gegeben, die aufgrund der speziel-len Wetterlage in
der Eifel die 24h in diesem Jahr um mehr als einen Monat
weiter nach hinten verschoben haben! Die rund 198.000 Fans
werden es genau so zu schätzen wissen wie auch alle Fahrer
und Teams. Freuen wir uns auf ein weiteres schönes 24h-Rennen
am Nürburgring im nächsten Jahr.
Michael Bräutigam