01.01.2005: Volkswagen bei der Rallye Dakar
Navigation als Schlüssel zum ‚Dakar’-Erfolg
In der Wüste nicht verloren zu gehen, immer den
richtigen Weg zu finden – das ist eine der großen
Herausforderungen der Rallye Dakar. Navigation
lautet das Zauberwort am Ende der beschilderten
Straßen, wenn der Rallye-Tross am 2. Januar nach
Afrika übersetzt. Dann zählen nicht nur das fahrerische
Können, die technischen Qualitäten des Volkswagen
Race-Touareg und ein starkes Team im Hintergrund.
Dann zählen moderne technische Hilfsmittel, aber
auch die gründliche Beherrschung navigato-rischer
Kenntnisse, eine gute Vorbereitung und ein großer
Erfahrungs-schatz für eine erfolgreiche Orientierung
im freien Gelände.
Die Grundelemente: Roadbook, Kartografie und
Instrumente
Zentraler Bestandteil einer bewusst so vielseitig
konzipierten Sportart wie dem Marathon-Rallyesport
ist die Navigation. Um die Orientierung als einen
zentralen Wettbewerbs-Aspekt zu bewahren, sind
alle Hilfestellungen zeitlich und inhaltlich streng
limitiert und für die Rallye Dakar 2005 noch-mals
verschärft worden. So gibt zwar eine Übersichtskarte
etwa sechs Wochen vor Rallye-Beginn die grobe
Fahrtrichtung entlang der Tages-Etappenziele bekannt.
In einem Maßstab von etwa 1:10.000.000 allerdings
ist dieses Gesamtwerk nicht im Geringsten zur
Detailplanung geeignet. Der präzise Streckenverlauf
ist ein wohl gehütetes Geheimnis, das stets erst
am Vorabend der zu befahrenden Etappe gelüftet
wird: Mit der Ausgabe des so genannten Roadbooks
durch den Veranstalter erschließt sich den Beifahrern
der detaillierte Streckenverlauf des nächsten
Tages. Er wird freilich nur durch ein Kürzel-
und Pfeilsystem mit Distanzangaben erkennbar,
das den Weg aus der Cockpit-Perspektive weist.
Eine Karte als Referenz fehlt.
Für die kartografische Aufarbeitung sind die Teams
selbst verantwortlich. So dürfen die am Vorabend
jeder Etappe veröffentlichten GPS-Punkte, die
jeweils einen Wert in Längen- und in Breitengradrichtung
ausweisen, in eine Karte eingetragen werden, die
im Fahrzeug mitgenommen wird. Gleichzeitig werden
die bekannt gegebenen Koordinaten in das bordeigene
GPS-System eingespeist. Zur weiteren Ausrüstung
im Cockpit zählt ein Wegstreckenzähler, der Teilabschnitte,
Gesamtdistanzen und Fahrzeiten ermittelt. GPS-Gerät
und Wegstreckenzähler verfügen zur Sicherung jeweils
über eine zweite Einheit. Ein Kompass komplettiert
die Ausrüstung, die vom Beifahrer bedient wird.
Die Vorbereitung: Vom Roadbook zur Karte
Wenn die Teams während der Rallye Dakar am Abend
die Roadbooks für die nächste Etappe erhalten,
steht ihnen nach einem harten Tag eine weitere
Fleißaufgabe bevor. Hunderte von Pfeilen, Symbolen
und Zeich-nungen weisen den Weg durch viele hundert
Kilometer am Folgetag. Wer die Kürzel richtig
interpretiert, erreicht das Ziel mühelos. Doch
eine kartografische Einordnung dieser Angaben
ist unabdingbar. "Wenn man die im Roadbook angegebene
Strecke unfreiwillig verlässt und sich verirrt,
benötigt man zur Absicherung eine Karte", erklärt
Volkswagen Werks-fahrerin Jutta Kleinschmidt.
Zur optimalen Vorbereitung haben die Teams das
Gesamtgelände jeder einzelnen Tagesetappe anhand
der wenigen bekannten Streckeninforma-tionen im
Vorfeld kartografisch vorbereitet. Diese absolut
Reglement konforme Praxis unterliegt allerdings
einer strengen Richtlinie: Der Maßstab der Übersicht,
die die Piloten mitführen, darf 2005 erstmals
nicht detaillierter als 1:500.000 sein.
Zusammen mit Computer-Fachmann Dietmar Mondon
hat sich Team-Navigator Bobby Willis im Dezember
mit den vier Volkswagen Copiloten Dirk von Zitzewitz,
Fabrizia Pons, Michel Périn und Juha Repo das
Gebiet der Rallye Dakar 2005 unter Mithilfe der
Fahrer kartografisch erschlossen. So hat Willis,
der ein kartografisches Unternehmen betreibt,
im Vorfeld Karten mit Fotocharakter erstellt,
die den bereits bekannten, allgemeinen Streckenverlauf
abbilden. "Dieses Material haben wir dann georeferenziert",
erläutert Mondon. "Wir haben also ein so genanntes
Minuten-Gitter von Längen- und Breitengraden über
die Karten gelegt. Die Minuten-Karte dient als
Kalibrierungsgitter, in dem ich mit GPS-Angaben
jeden beliebigen Ort finden kann. Umgekehrt kann
ich mit einer aktuellen GPS-Angabe im Auto über
eine georeferenzierte Karte auch wieder auf meinen
Standpunkt zurückschließen."
Jeder Winkelgrad lässt sich in 60 Minuten unterteilen,
jede Minute in 60 Sekunden. Um den Äquator verläuft
der Null-Breitengrad, während der Null-Längengrad
das Londoner Greenwich-Observatorium kreuzt. Mit
dieser Zuordnung hat das Team die Strecke in navigatorische
Maßzahlen eingebettet. Umgesetzt wird die Erfassung
mit der Software "Quo vadis" des Anbieters Touratech,
einem im Handel erhältlichen Computer-Programm.
Farb-Ausdrucke der georeferenzierten Strecke finden
sich im Format A3 in den Cockpits der vier Race-Touareg
und der beiden Race-Trucks, die dieselbe Strecke
fahren.
Puzzle mit sieben Elementen: Das Erarbeiten
und Erahnen des richtigen Weges
Auf der Basis früherer Unterlagen - Roadbooks
und Karten aus den Vor-jahren - spielen sieben
Kernaspekte eine Rolle bei dem Versuch, den Verlauf
der künftigen Etappen zu erahnen und während der
Veranstaltung um die tagesaktuellen Informationen
zu ergänzen: Die Geografie ist durch Kompasskurse,
Straßen, Bergnamen, Kreuzungen, Gabelungen und
ähnliche Faktoren definiert. Die Topografie kommt
in der Wahrnehmung von Flusstälern, Pässen, Brunnen
und anderen landschaftlichen Besonder-heiten zum
Tragen. Der Untergrund - von Sand über Fels, Schotter,
Asphalt, Kamelgras bis zu Dünen - fließt als dritter
Punkt in die Arbeit ein.
Kartografische Definitionen bestimmen Chancen
und Grenzen der Aus-lotung: Sind ältere Karten
noch gültig? Gab es nach der Erstellung von Kolonialkarten
des französischen Institut Géographique National
weitere kartografische Erfassungen in westafrikanischen
Wüstengebieten? Stehen Flugkarten zur Verfügung,
die sich an so genannten Auffanglinien wie An-siedlungen,
Eisenbahnen oder großen Straßenführungen orientieren
und die damit zuverlässiger sind als kleinere,
vergänglichere Referenzpunkte?
Ferner muss überprüft werden, ob über die GPS-Koordinaten
hinaus, die der Veranstalter an jedem Abend liefert,
aus früheren Etappen der Rallye Dakar weitere
Daten bekannt sind. Denn in aller Regel werden
Teilstrecken befahren, die bereits in der Vergangenheit
genutzt wurden, da nur mit größtem Aufwand eine
vollkommen neue Strecke zu verwirklichen wäre.
Ebenso müssen theoretische Rahmenbedingungen berücksichtigt
werden - etwa drohen bei Tempoüberschreitungen
in Ortsdurchfahrten empfindliche Zeitstrafen für
die Piloten, sogar wenn die Service-Fahrzeuge
des eigenen Teams die Limits überschreiten. Hinzu
kommt, dass ein geografischer Korridor von 3,3
Kilometer rechts und links der Strecke nicht überschritten
werden darf, sonst drohen Zeitstrafen. Kontrolliert
wird die Einhaltung durch die Erfassung der gefahrenen
Strecke per GPS-Gerät.
Persönliche Erfahrungen der Fahrer und Beifahrer
komplettieren als siebter Faktor die Übertragung
der Roadbook-Informationen auf eine Karte: Wo
fand sich in der Vergangenheit die Zufahrt zu
einer bestimmten Passüberfahrt? Welche Pistenqualität
ist auf bestimmten Teilstrecken zur erwarten?
Die Anwendung: Navigation mit Unterlagen und Instrumenten
Beim Start einer Wertungsprüfung beginnen die
Copiloten, ihren Fahrern aus dem dreispaltigen
Roadbook vorzulesen: In der linken Spalte sind
Entfernungen aufgeführt, in der Mitte geben Pfeile
die dazugehörige Fahrt-richtung an, die rechte
Spalte weist auf die jeweiligen Besonderheiten
wie Bodenwellen oder Gefahrenstellen hin und gibt
gleichzeitig mit Kompass-zahlen und GPS-Daten
aktuelle Richtungs- und Zielangaben. Gleichzeitig
kontrollieren die Beifahrer mit dem Wegstreckenzähler
permanent Teil-abschnitte und Gesamtfahrtstrecke.
Da der Veranstalter die Zahl der gegebenen GPS-Wegepunkte
bei der Rallye Dakar 2005 auf die offiziellen
Durchfahrt-Kontrollstellen (CP) und das Etappenziel
reduziert hat, sind nur noch drei bis vier Koordinaten
für viele hundert Kilometer verfügbar. Die vom
GPS-Gerät vorgegebenen Richtungen definieren also
eine grobe Luftlinie, von der die tatsächliche
Streckenführung beträchtlich abweichen kann. So
ist denkbar, dass etwa die gerade Linie zwischen
zwei GPS-Angaben und damit die Pfeilangabe im
Instrument nach Süden weist, aber das Roadbook
eine westlich um ein unüberwindbares Bergmassiv
zu fahrende Schleife vorschreibt, die ein-gehalten
werden muss. Die GPS-Angabe dient also nur als
punktuelle Kontrolle.
"Ein GPS-Gerät ist keinesfalls ein Kompass und
kann ihn auch nicht ersetzen", erläutert Dietmar
Mondon. "Vielmehr zeigt es nur einen durch die
Fortbewegung errechneten Vektor an zwischen dem
letzten und dem nächsten Punkt. Steht man einmal,
um sich zu orientieren, zeigt das GPS-Gerät keine
Richtung mehr an." Damit ist es unabdingbar, die
eigene Fahrtrichtung mit dem Kompass zu kontrollieren.
Aktuelle Kompass-Zahlen (Null für Norden, 90 für
Osten, 180 für Süden, 270 für Westen) im Roadbook
geben Aufschluss darüber, ob die aktuelle Richtung
korrekt ist.
"Wie gut die Vorbereitung wirklich war, sehen
wir dann Tag für Tag in der Wüste" erklärt Jutta
Kleinschmidt. Zu dem Erfahrungsschatz, der bei
Volkswagen dank der langjährigen individuellen
Erfahrungen versammelt ist, zählt das Know-how
von sechs "Dakar"-Siegen, verteilt auf Juha Kankkunen,
Bruno Saby, Jutta Kleinschmidt und Michel Périn.
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