Alles richtig gemacht und doch irgendwie verloren: Die Rede ist
natürlich wieder mal von Kimi Räikkönen, dem trotz seines erneuten
Sieges in Spa-Francorchamps langsam aber sicher sämtliche WM-Chancen
abhanden kommen. Beim viertletzten Saisonrennen konnte der "Iceman",
bedingt durch Platz den zweiten Platz von Fernando Alonso, den
Abstand auf eben den jungen Spanier auf nun 25 Punkte verkürzen,
beim FIA-Punktesystem - ich plädiere deshalb auch darauf, das
Punktesystem zu überarbeiten - sind 25 Punkte in 3 Rennen jedoch
kaum aufzuholen. Sollte Fernando Alonso auch beim Rennen in Interlagos
in zwei Wochen auf dem Podium stehen, so kann er sich dort auch
als jüngster Formel 1-Weltmeister der Welt feiern lassen.
Der zweite Platz von Fernando Alonso war aber wieder mal ein Produkt
der Dummheit eines Anderen und dieser hieß zum wiederholten Mal
Juan-Pablo Montoya. Und wie schon beim Grand Prix der Türkei legte
sich der Kolum-bianer mit einem Überrundeten an, der diesmal aber
den Namen Antonio Pizzonia trug. Der zweite Platz für Montoya
und gleichzeitig der Doppelsieg der Silberpfeile waren damit futsch.
Beim nassesten Rennen der Saison gab es durch diese Kollision
zwischen Pizzonia und Montoya gleich zwei große Profiteure. Der
erste heißt Jenson Button, der sich durch den Ausfall Montoyas
noch auf einen Podiumsplatz schob. Der zweite fährt ein gelbes
Auto und heißt Tiago Monteiro, der zum ersten Mal im vollen Starterfeld
die Punktränge erreichte. Platz acht bedeutet zum einen, dass
der junge Portugiese nun schon sieben Punkte in der Saison gesammelt
hat und zum anderen, dass er in seiner Debüt-Saison noch nicht
einmal ausgefallen ist. Damit baut er seinen sowieso schon einsamen
"Startrekord" weiter aus. 16 Zielankünfte in Folge, das hat nicht-mals
Fernando Alonso in dieser Saison geschafft.
Die schnellste Rennrunde fuhr der sehr groß auftrumpfende Ralf
Schumacher kurz vor Ende des Rennens. Der Toyota-Pilot hielt in
der Spitzengruppe lange den Anschluss zum Führenden Juan-Pablo
Montoya, bevor er sich zu früh entschied, auf Trockenreifen zu
wechseln. Ein möglicher Sieg war somit außer Reichweite, die siebte
Endplatzierung nur ein schwacher Trost. Was viel schwerer wiegt.
Durch den gleichzeitigen fünften Platz von Rubens Barrichello
verliert Toyota, nach schwachem Rennen von Trulli, weitere zwei
Punkte auf den härtesten Rivalen in der Konstrukteurs-WM.
Michael Schumacher, der sich bei den durchgehend feuchten Bedingungen
von Startplatz sechs aus große Hoffnungen gemacht hatte, endlich
in einem Rennen konkurrenzfähig zu sein, musste diese nach einem
Abschuss seitens Takuma Sato nach dem Ende der durch Giancarlo
Fisichella ver-ursachten Safety Car-Phase begraben. Der Römer
(Fisichella) hatte, wie Alonso, mit einem nervösen Heck an seinem
Renault zu kämpfen und flog in der "Eau Rouge" bei knapp 300km/h
von der Strecke in die Reifenstapel, Fahrer unverletzt - Auto
Schrott.
Viel wichtiger, was auf der Strecke passiert (die Fahrer-WM ist
sowieso gelaufen), sind die Geschehnisse neben derselben. So sickerte
im Laufe der Woche durch, dass Red Bull den Minardi-Rennstall
aufgekauft hat, um ab dem kommenden Jahr mehr ihrer geförderten
Talente auf die Formel 1-Bühne zu hieven.
Auch die Reifensituation ist spannend. Trotz absolut nicht herausragender
Leistungen in dieser Saison, konnte der Reifenhersteller Bridgestone
für die Saison 2006 gleich zwei Kunden von Michelin abwerben.
WilliamsF1 und Toyota haben angeblich schon Verträge für das kommende
Jahr unter-schrieben. Wie schon in diesem Jahr, bleibt Red Bull
Racing, trotz Ferrari-Motoren im kommenden Jahr, bei den französischen
Pneus über die Saison 2005 hinaus. Bei BMW ist man sich ebenfalls
fast sicher, dass man, entgegen de ursprünglichen Willen von Peter
Sauber, auch im kommenden Jahr Michelin-Reifen fahren wird. Michelin
gab indes bekannt, dass man sich aus der Formel 1 zurückziehen
wolle, wenn der Einheitsreifen beschlossene Sache werde. Das Reifenmonopol
würde also wieder von Bridgestone über-nommen werden.
Das Fahrerkarussell dreht sich noch immer munter. Antonio Pizzonia,
der sich an diesem Wochenende trotz einer Wiedergenesung Nick
Heidfelds, wieder im Cockpit des BMW-Williams einfand, wird als
möglicher Stamm-fahrer für WilliamsF1 ab 2006 gehandelt. Nick
Heidfeld ist praktisch schon aus dem Schneider. So sehr er sich
im letzten Winter noch um das ver-meintliche Top-Cockpit bei BMW-Williams
anstrengen musste, stehen ihm jetzt nahezu alle Möglichkeiten
offen. Am wahrscheinlichsten ist es, dass er mit BMW zum neuen
Werksteam wechselt.
Zurück zur aktuellen Saison: Es stehen also noch drei Rennen aus,
und trotzdem ist schon fast alles gelaufen. Fernando Alonso steht
zu 99,9% als neuer Fahrer-Weltmeister fest, spannend wird es aber
in der Konstrukteurs-WM. McLaren holte heute wieder (nur) zwei
Punkte auf Renault auf. Hätte Montoya, den ich wirklich mittlerweile
als F1-unfähig ansehe, den zweiten Platz nicht wieder verloren,
so hätte "Silber" schon jetzt die Nase vor "hellblau-gelb".
Beim nächsten Rennen in Interlagos bin ich mir fast sicher, dass
Vorjahres-sieger Montoya nicht wieder unüberlegte oder überstürzte
Aktionen gegen zu Überrundende startet. Aus Fehlern lernt schließlich
selbst er. Kimi Räikkönen MUSS gewinnen und auf einen Ausrutscher
Alonsos hoffen, um die WM-Entscheidung zumindest auf Suzuka zu
vertagen. Michael Schumacher wird versuchen, auf der anspruchsvollen
Strecke noch einmal Akzente zu setzen. Ohne Regen ist jedoch eine
Podiumsplatzierung sehr unrealistisch. Wir werden sehen, ob im
Land des jüngsten Weltmeisters aller Zeiten, Fernando Alonso diesen
Titel nach Spanien holen kann. Er wäre damit der erste Iberer,
der den Fahrer-WM-Titel holt!
Mit motorsportlichem Gruß
Michael Bräutigam
www.michaelbraeutigam.net.ms/