…Fernando Alonso! Nicht der Rennsieger, aber doch der klare Sieger
über den wieder einmal vom Pech verfolgten Kimi Räikkönen! Die
Chronologie der Ereignisse sieht wiefolgt aus: Die freien Trainings
am Samstagmorgen sollten wie schon zwei Mal zuvor in dieser Saison
ein Dämpfer für den auf den Renn-sieg hoch favorisierten Räikkönen
werden. Wieder einmal ging der Motor -der nach dem Sieg in Istanbul
turnusgemäß gewechselt wurde - schon weit vor Ende der erwarteten
Lebensdauer in die ewigen Jagdgründe.
Dieses Mal war es ein Einlassventil aus einer maladen Chose, das
den hohen Drücken und Temperaturen im Motor nicht standhielt.
Die Strategie für das Rennen, und somit auch für die Qualifikation,
war klar: Volltanken bis oben hin! Mit und trotz einem wirklich
bis zum allerletzten freien Kubikmillimeter aufgefüllten Tank
fuhr Räikkönen in der Qualifikation Bestzeit, einmal mehr der
Beweis für die Extraklasse des jungen Finnen! Doch da war ja der
Motorwechsel, was bedeutete, Kimi würde zehn Startplätze weiter
hinten starten als auf der herausgefahrenen Position.
Das Rennen lief wie geplant: Am Anfang abwarten, selbst ein Jaques
Villeneuve war - außer in Runde eins - nie wirklich dem Druck
des hinter ihm fahrenden Silberpfeil-Piloten ausgesetzt. Nach
und nach fuhren dann alle anderen zum Tankstopp rein und Räikkönen
war schon auf Position zwei, hinter Juan-Pablo Montoya.
"Der Kimi muss ja auch noch zwei Mal stoppen, bloß kein Enthusiasmus",
werden sich wohl viele gedacht haben. Denkste! Das Rennen war
bereits fast bis zur Hälfte absolviert, und Heidfeld-Ersatzmann
Antonio Pizzonia, der einen wirklich tollen Job ablieferte und
sichere Punkte für BMW-Williams einfuhr, und eben der "Iceman"
fuhren noch mit der ersten Tankladung. Spätestens als Pizzonia
zum Tankstopp hereinfuhr, war vielen klar: "Ein-Stopp geht nicht…".
Aber auch diese These wiederlegte Spritsparfuchs Räikkönen. Ziemlich
genau zur Rennhalbzeit war dann aber auch der Tank des McLaren-Mercedes
mit der Startnummer neun leer. Der Stopp dauerte ewig, deutlich
über zehn Sekunden! Mit etwa 100kg mehr Sprit an Bord als vor
dem Tankstopp fuhr Räikkönen wieder auf die Strecke.
Meine Gedanken, ob der hohen Mehrbelastung, gingen in Richtung
Fahrwerk, Reifen und Kimi selbst. Letzterer musste ja nach dem
Boxenstopp quasi einen Panzer um die Strecke wuchten. Ich hätte
vielleicht nicht ganz so sehr an die Reifen denken sollen.
Gerade als ein gewisser zum Toyota F1 Team ortsnaher Sender die
Zu-schauer zu einer ‚Pinkelpause' zwang, geschah nämlich das Unglück.
Der äußerste Rand von Räikkönens linkem Hinterreifen warf Blasen
wie Norbert Haug bei einem Bauchplatscher im Schaumbad. Die logische
Folge stellte ein Reifenwechsel dar. Zu allem Überfluss fiel "Iceman"
Räikkönen wohl einem emotionalen Anfall, sprich ungefähr einem
dem Herzinfarkt nahen Puls von 90, zum Opfer und drehte sich kurz
vor Schluss. Zumindest den kurzzeitig an Jarno Trulli verlorenen
vierten Platz konnte Pechvogel Räikkönen im Stil eines Champions
vor der "Parabolica" zurückerobern und fuhr somit einen ent-täuschenden,
aber wenigstens Punkte bringenden vierten Platz ein.
Als Erster wurde Räikkönens Teamkollege Juan-Pablo Montoya im
Ziel abgewunken. Doch der Sieg war mehr erzittert als alles andere.
Auch bei "JPM" stellte sich dasselbe Reifenproblem wie 25 Runden
zuvor bei Räikkönen ein. Trotz kriminellem Fahrverhalten machte
der Kolumbianer diesmal alles richtig und gab seine sichere Position,
anders als in Istanbul, nicht noch kurz vor dem Ziel an Fernando
Alonso ab. Dieser kam als Zweiter, vor Teamkollege Giancarlo Fisichella
- Glückwunsch, das erste F1-Podium in Italien für "Fisico" - ins
Ziel und machte damit einen weiteren großen Schritt in Richtung
"Thronfolger" von Michael Schumacher. Dieser wurde mit einem zehnten
Platz in Monza nämlich auch endgültig rechnerisch entthront.
Die WM entscheidet sich zwischen Fernando Alonso und Kimi Räikkönen.
Aller Wahrscheinlichkeit nach wird der Spanier aber die Oberhand
behalten. Bereits in Spa-Francorchamps kann der Mann aus Oviedo,
der in Oxford lebt, Emerson Fittipaldi den Titel "Jüngster F1-Weltmeister
aller Zeiten" weg-schnappen. Voraussetzung: Mindestens Platz fünf.
Und selbst wenn der Spanier nicht Fünfter oder besser wird, so
ist es eher unwahrscheinlich, dass er in den letzten drei Rennen
insgesamt weniger als 4 Punkte sammelt UND Kimi Räikkönen gleichzeitig
alle Rennen gewinnt. Man darf Fernando Alonso also eigentlich
schon vor dem Rennen in Spa zum Titel gratulieren.
Um den Kampf um die WM-Krone nicht überzustrapazieren, widme ich
mich einem weiteren sportlichen Highlight des GP von Italien:
Das zweitschnellste Formel 1-Rennen aller Zeiten war zugleich
das erste Rennen seit dem GP der Niederlande 1961, in dem alle
im Vorstart befindlichen Fahrzeuge auch die Zielflagge sahen und
gewertet wurden. Nichtmals "Zwischenstopps" wie in Istanbul bei
Michael Schumacher und Christijan Albers gesehen, gab es.
In Spa-Francorchamps MUSS der Favorit auf den Rennsieg wieder
den Namen "Kimi Räikkönen" tragen. Der Finne wird versuchen, seinen
Vor-jahressieg auf der "Ardennen-Achterbahn" zu wiederholen und
sich für die beiden letzten WM-Läufe in Japan und China wenigstens
noch eine theoretische Titelchance offen zu halten. Fernando Alonso
dagegen reicht, wie angesprochen, sogar Platz fünf zum Titelgewinn.
Niemals zu unterschätzen sind Michael Schumacher und Ferrari auf
der belgischen Traditionsrennstrecke. Vor Allem wenn sich wieder
das sehr launische Ardennenwetter zeigt, hat Regenspezialist Schumacher
beste Chancen, seinen ersten Saisonsieg - Indianapolis zählt in
meinen Augen nicht - zu feiern.
In der Konstrukteurs-WM balgen sich derweil jeweils zwei Teams
um Platz eins und drei. Während vorne McLaren und Renault erbittert
um die WM-Krone kämpfen, hofft Ferrari darauf, Toyota auch bis
zum Saisonende hinter sich halten zu können. Mit Vorstellungen
wie in Monza, hat man da jedoch schlechte Karten. Man zehrt immer
noch von den "erschlichenen" 18 Punkten aus Indianapolis (kein
Vorwurf an Ferrari, aber ganz ehrlich gesagt hatte dieser Sieg
für mich das "Zeltweg-Syndrom"), Ferrari wird hart um Platz drei
kämpfen müssen! Fest steht, dass uns in Spa-Francorchamps ein
absolutes Saisonhighlight ins Haus steht. Wir dürfen gespannt
sein, was uns der GP von Belgien dieses Jahr bieten wird.
Mit motorsportlichem Gruß
Michael Bräutigam
www.michaelbraeutigam.net.ms/