Was war das
für eine Saison: Die Dominanz von Ferrari wurde endlich, nach
sechs Konstrukteurs- und fünf Fahrertiteln in Folge gebrochen.
Nun steht ein neuer Stern, oder vielmehr eine blitzende Raute,
am Formel 1-Himmel.
Zuerst möchte ich mich dem absoluten Tiefpunkt der abgelaufenen
Formel 1 Saison begeben, zum so genannten "Skandalrennen" in Indianapolis.
Nachdem die Michelin-Teams in den freien Trainingssitzungen einige
Reifenschaden zu beklagen hatten, empfahl der französische Reifenhersteller
all seinen Kunden, möglichst nicht zu fahren, da die Gefahr eines
erneuten Horrorcrashs wie bei Ralf Schumacher nicht ausgeschlossen
werden konnte. Nach der Einführungs-runde waren dann nur noch
die sechs mit Bridgestone-Pneus bereiften Autos auf der Strecke,
sprich: Ferrari, Jordan und Minardi. Das positive an dieser Zeremonie
war, dass Ferrari durch den Doppelsieg einen großen Schritt zur
letztendlichen dritten Position in der Konstrukteurs- und Fahrer-WM
machen konnte.
Ferrari ist damit auch das einzige Team neben Renault und McLaren,
das in dieser Saison einen Sieg holen konnte. Außerdem durfte
das Team Jordan in den USA gleich doppelt feiern: Neben dem ersten
Inder, der in der Formel 1 Punkte sammeln konnte, Narain Karthikeyan,
durfte zum ersten Mal in der Formel 1 Geschichte ein Portugiese
mit aufs Siegerpodest. Tiago Monteiro wurde Dritter und konnte
damit einen ersten Höhepunkt in seiner gelungenen ersten Saison
in der Königklasse des Motorsports setzen.
Nur wenige Wochen nach dem "Grand Prix" der USA war der kurioseste
Vorfall der Saison zu bestaunen. Bob McKenzie, englischer F1-Journalist
hatte eine Wettschuld einzulösen. Leichtsinnigerweise sagte er
zu Mitte der Saison 2004, als bei McLaren-Mercedes nichts zusammenlief,
dass er eine Runde nackt um die Strecke in Silverstone laufen
würde, wenn McLaren noch ein Sieg im Jahr 2004 gelingt. Kimi Räikkönen
gewann in dieser Saison 2004 dann den GP von Spa-Francorchamps
und somit hieß es dann "Will he or won't he?" Das bange Warten,
ob der betagte Journalist seinen Astralkörper wirklich der Weltöffentlichkeit
zumuten wollte, wurde am Rennsonntag des GP von Großbritannien
beendet, als Bob McKenzie, auch aus einem caritativen Zweck heraus,
seine Ehrenschulden los wurde.
Pünktlich zur Saisonmitte, wo man versuchte, durch vier Rennen
in vier Wochen das "Sommerloch" zu umgehen, begann die "Silly
Season", in der das Fahrer- und Motorenkarusselkarussel wie in
jedem Jahr zu rotieren begann… Wer mit wem? Wer bei wem? Und es
tat sich viel: BMW steigt 2006 als 100%iges Werksteam bei Sauber
genau so ein wie Honda bei BAR. Nick Heidfeld und Jenson Button
waren bei beiden Übernahmen die zentrale Figur.
Frank Williams wollte nicht von Nick Heidfeld lassen, und genau
so wenig von Jenson Button. Aber alles advokatische Zerren und
Ziehen nutzte nichts: Jenson Button fährt 2006 bei Honda, Nick
Heidfeld bei BMW. Der zweit-erfolgreichste Formel 1-Fahrer der
letzten sechs Jahre wird ab dem kommenden Jahr an Jenson Buttons
Seite um WM-Punkte kämpfen: Rubens Barrichello. Dieser wird bei
Ferrari durch Felipe Massa ersetzt, der bei Sauber immer wieder
zeigte, dass er zwar noch zu den Jungen, aber, im Gegensatz zu
z.B. einem Takuma Sato, längst nicht mehr zu den Wilden zählt.
Nachdem diese ganzen Wechselspielchen weitgehend abgeflacht waren,
konn-te man sich wieder auf den Titelkampf konzentrieren. Es hieß
McLaren gegen Renault, Kimi Räikkönen gegen Fernando Alonso.
Doch während Alonso mit seinem Renault-Panzer zuverlässig seine
Kreise drehte, und dabei auch noch schnell war, stellten sich
an Pfennigteilen am "Silberpfeil" immer wieder kleinere Problemchen
ein, die aber jeweils zu Motor-schäden oder sonstigen technischen
Ausfällen führten. So hatte auch der schnellste Fahrer im schnellsten
Auto keine Chance gegen den "König von Asturien", Fernando Alonso,
der zwei Rennen vor Schluss die Nachfolge von Michael Schumacher
antritt und sich als Weltmeister feiern lassen durfte.
Die Konstrukteurs-WM war lange offen, aber ein gewisser Juan-Pablo
Montoya schaffte es drei Mal nicht, einen sicheren Podiumsplatz
nach Hause zu fahren, was Renault auch den Konstrukteurs-Titel
einbrachte. Glückwunsch an dieser Stelle noch einmal nach Frankreich
und Spanien.
Die Sieger und Verlierer, bzw. die Auf- und Absteiger der Saison,
stehen für mich fest: den größten Aufstieg hat Toyota erlebt.
Zwei Pole Positions, beide Fahrer mehrmals auf dem Podium, Respekt!
Erfreulich dabei aus deutscher Sicht: Der vielkritisierte Ralf
Schumacher landete in der Endabrechnung sogar noch vor seinem
hochgelobten Teamkollegen Jarno Trulli. Absteiger des Jahres ist
ebenso eindeutig BAR. Als Vize-Weltmeister und großen Erwartungen
in die Saison gestartet, lief im Jahr 2005 nicht viel zusammen:
Der Anfang der Saison ging völlig in die Hose. Am vermeintlichen
Wendepunkt, dem Rennen in Imola, folgte die Disqualifikation und
zwei Rennen Sperre, Vorwärtsdrang gestoppt! Erst im letzten Saisondrittel
konnte Jenson Button durch einige Achtungs-erfolge wieder auf
sich und das Team positiv aufmerksam machen.
Mein Ausblick auf die kommende Saison sieht zwiegespalten aus.
Ich freue mich einerseits auf neue Fahrer, Motoren und Teamkonstellationen,
anderer-seits stört mich die erneute "Beschneidung" der Königklasse.
Anders als in den letzten Jahres, als es immer nur darum ging,
mittels härterer Reifen und veränderter Aerodynamik die Kurvengeschwindigkeiten
zu senken, geht es diesmal an die Motoren, die nach weit über
einem Jahrzehnt der Drei-Liter-V10-Ära auf eine kleinere Version
zurückgebaut werden müssen. Nur noch 2,4 Liter Hubraum und acht
Zylinder sind erlaubt. Lächerlich angesichts sogar vier Litern
Hubraum in der GP2-Serie, ich schließe mich da gerne den Experten
an und sage: Da machen die falschen Leute die Regeln.
Auf der anderen Seite eröffnet das neue Motorenreglement neue
Möglichkeiten für mehr Hersteller. Ich persönlich sehe vor allem
die Motoren der Cosworth-Motorenschmiede ganz vorne. Die langjährige
Erfahrung mit V8-Motoren aus diversen anderen Rennserien, wie
z.B. auch der Champ Car, dürfte dem Partner WilliamsF1 einige
gute Ergebnisse bescheren.
Ebenfalls eine Macht bei kleinen Hochdrehzahlmotoren stellt für
mich Honda dar, auch da darf man im nächsten Jahr einiges erwarten,
zumal man ja mit dem Super Aguri F1 Team, geführt vom ehemaligen
GP-Piloten Aguri Suzuki, noch ein zweites Eisen im Feuer hat und
der Formel 1 wieder ein elftes Team beschert.
Ebenfalls zwei Teams nennt ab der kommenden Saison Red Bull Racing
sein Eigen. Während das "erste" Team mit Ferrari-Motoren an den
Start geht, wird das von Minardi übernommene Team weiterhin mit
Cosworth-Motoren starten. Neben den starken Ferrari-Motoren konnte
Red Bull Racing noch einen weiteren großen Coup erzielen. Mit
Adrian Newey wirbt man von McLaren-Mercedes einen der erfolgreichsten
Konstrukteure im Formel 1-Zirkus ab. Newey kon-struierte u.a.
schon die Weltmeisterautos von Damon Hill, Jacques Villeneuve
oder Mika Häkkinen und auch in diesem Jahr durfte er zumindest
das schnellste Auto als "seines" bezeichnen.
Auch wenn die Formel 1 nicht mehr den großen Reiz ausmacht wie
vor einigen Jahren, freue ich mich doch auf die neue Saison und
kann es kaum noch bis zum März 2006 erwarten, wo erstmals in Bahrain,
und nicht wie gewohnt in Melbourne, eine erste Standortbestimmung
unter Wettkampfbedingungen stattfinden wird.
Mit motorsportlichem Gruß
Michael Bräutigam
www.michaelbraeutigam.net.ms/