Das hat die Formel 1 wirklich nicht verdient. Vor allem in den
USA, wo doch jedes kleine "cool" oder "amazing" eines Fans doppelt
und dreifach zählt. Gerade dort wurden beim F1-Lauf die Autos
auf der Strecke mit Wasser-flaschen und Bierdosen beschmissen,
bei jeder Überquerung des "Brick-yards" bei Start/Ziel ertönte
ein gellendes Pfeifkonzert und wie im alten Rom zeigten die Zuschauer
mit dem Daumen entschieden nach unten. Doch warum das alles?
Ganz einfach: Im Freitagstraining gab es beim Team Toyota Probleme
mit dem linken Hinterreifen, der erst bei Ricardo Zonta und kurz
darauf bei Ralf Schumacher seinen Dienst verweigerte. Beide Male
resultierte der Reifen-schaden in einem Abflug, bei Ralf Schumacher
gar in einem Déjà-vu-Erlebnis, als er wie im Vorjahr rückwärts
in die Außenmauer der Steilkurve einschlug. Michelin wies daraufhin
die von ihnen belieferten Teams an, nicht mehr als 10 Runden mit
einem Reifen zu fahren und/oder jede Runde durch die Box zu fahren
sowie in Turn 12 und 13 die Geschwindigkeit zu drosseln.
Am Samstag dann scheinbar heile Welt. Das Qualifying lief wie
gewohnt ab, allerdings mit einem im doppelten Sinne kuriosen Sieger.
Ausgerechnet der Teamkollege von Ralf Schumacher und Ricardo Zonta,
Jarno Trulli, stellte seinen Toyota ganz oben auf die Zeitenliste.
Aufgrund des zu hohen Risikos beriet man in gemeinsamen Meetings
aus Teamchefs, FIA-Verantwortlichen und Michelin-Technikern teilweise
sogar über den Einbau einer Schikane vor der Steilkurve. Doch
Charlie Whiting blockte kategorisch ab, richtigerweise! Denn keiner
der Fahrer hätte die Schikane je zuvor gefahren und ganz nebenbei
bemerkt, muss die Strecken-führung in Qualifying und Rennen übereinstimmen!
Die Konsequenz war, dass nach der planmäßigen Einführungsrunde
keines der Michelin-bereiften Autos in die Startaufstellung fuhr.
Ein jämmerliches Bild bot sich dann den 150.000 Zuschauern. Die
mussten mit ansehen, wie zwei Ferraris vorne weg preschten und
wie sich die Jordans und Minardis um den letzten Podiumsplatz
balgten.
Und wer war Schuld? Michelin? Die FIA? Tony George, der die Strecke
neu hat asphaltieren lassen? Am Ende vielleicht sogar Ralf Schumacher,
weil er ja wieder in die Mauer fliegen musste? Ich möchte keinem
den schwarzen Peter in die Schuhe schieben, aber meiner Meinung
nach war diese viel beschriebene "Farce" unnötig und hauptursächlich
durch ein Versäumnis von Michelin hervorgerufen.
Im Sinne der Sicherheit der Fahrer war die Entscheidung der Michelin-Teams,
nicht zu fahren, aber sicher die richtige Entscheidung. Durch
die Vorkomm-nisse beim GP der USA wird die Diskussion um einen
Einheitsreifen erneut angefacht. David Coulthard startete sogar
eine Unterschriftenaktion, auf der sich alle verewigen können,
die den Einheitsreifen für die Formel 1 zurück-wollen. Doch ob
das im Sinne von Michelin und Bridgestone ist?
Zurück zum Rennen: Wenigstens die RTL-Zuschauer durften an diesem
Rennsonntag aber noch zwei Highlights erleben. Zum ersten die
grandiose Kombination aus Hemd und Krawatte beim selbsternannten
"Bürgermeister von RTL", Kai Ebel, und zum zweiten ein Streitgespräch
zwischen dem telefonisch aus der Schweiz zugeschalteten Ralf Schumacher,
Christian Danner und Heiko Waßer, was wenigstens etwas Leben ins
Rennen brachte.
Nun mein Versuch, die sportlichen Momente hervorzuheben. Zum einen
wäre da der erste Ferrari-Sieg anno 2005, was jedoch wirklich
keine Kunst war. Kurios wäre es gewesen, wenn Michael Schumacher
und Rubens Barrichello nach "Schumis" letzten Stopp zusammengefahren
wären. Beide krachten nämlich fast zusammen und wäre Barrichello
nicht aufs Grün gefahren, hätte es wohl auch eine Kollision gegeben.
Hinter Sieger Michael Schumacher und dessen "Wingman" Rubens Bar-richello
kam ein wahrer Held ins Ziel. Tiago Monteiro sicherte nicht nur
dem Jordan-Team die erste Podiumsplatzierung seit Giancarlo Fisichellas
Sieg in Brasilien 2003, sondern er stellte noch zwei Rekorde auf.
So war er der erste portugiesische Rennfahrer, der an der Siegerehrung
eines Formel 1-Grand Prix teilnehmen durfte. Des weiteren ist
er der erste Rookie der Formel 1-Geschichte, der die ersten neun
Rennen seiner Karriere beenden konnte. Respekt für diese Leistung!
Ein weiteres sportliches Highlight kam aus dem Jordan-Rennstall:
Narain Karthikeyan ist der erste Inder, der Formel 1-Punkte holen
konnte! Minardi konnte durch Platz fünf und sechs, summa summarum
also sieben Punkten, in einem Rennen mehr Punkte holen, als im
gesamten bisherigen Jahr-tausend zusammen!
Durch den "Sieg" Michael Schumachers wird die WM etwas offener.
Vorne liegt nach wie vor Fernando Alonso, 22 Punkte vor Kimi Räikkönen.
Nur drei Punkte hinter Räikkönen auf Platz drei der WM liegt jetzt
Michael Schu-macher. Es steht uns ein Hammermonat in Sachen Formel
1 bevor.
An den fünf Juli-Wochenenden wird es zum ersten Mal in der 55jährigen
Geschichte der Formel 1 vier Rennen in einem Monat geben! Es ist
zu hoffen, dass der schwere Imageschaden, den die Formel 1 in
Indianapolis erfahren hat, irgendwie reparabel sein wird.
Mit motorsportlichem Gruß
Michael Bräutigam
www.michaelbraeutigam.net.ms/