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Tourenwagen-Weltmeisterschaft 2005 (10 Läufe)  

Das Premierenjahr der neuen
Tourenwagen-WM aus der
Sicht eines Motorsport-Fans



Reinkarnation geglückt


Endlich eine Tourenwagen-Weltmeisterschaft! Naja, eigentlich ist es ja die Wiedergeburt einer bereits da gewesenen Rennserie. Schon im Jahre 1987 wurde erstmal um den Weltmeistertitel in Tourenwagen gekämpft. Der Sieger der damaligen Einjahrsfliege hieß Roberto Ravaglia und er fuhr einen BMW M3. Wie schon damals waren auch in der neuen "Word Touring Car Championship", kurz WTCC, die Autos aus dem Hause der Bayrischen Motorenwerke unschlagbar.

Das allererste Rennen der Saison, auf der eigentlich für Alfa Romeo prädestinierten Strecke im italienischen Monza, zeigte schon auf, dass mit BMW in dieser Saison auf allen Strecken zu rechnen ist. Sowohl die Pole Position als auch der Rennsieg gingen an Dirk Müller. Ein perfektes BMW-Ergebnis vermasselte lediglich im zweiten Lauf James Thompson, der mit seinem Sieg die Ehre der "Alfisti" rettete und Dirk Müller auf Platz zwei verwies.

Bei der zweiten Saisonstation "müllerte" es dann gewaltig. Von Platz 18 gestartet gewann Jörg Müller zunächst den ersten Lauf und anschließend von Platz acht aus auch Lauf zwei. Polesitter Dirk Müller wurde im ersten Lauf sechster und im zweiten Lauf Zweiter. In Lauf zwei konnte BMW sogar einen Vierfachsieg feiern. Alfa Romeo schon geschlagen?

Die Antwort folgte bei der dritten Saisonstation in Silverstone. Vierfachsieg für Alfa Romeo in Lauf eins. In Lauf zwei dann der erste WTCC-Sieg für Seat, und das gleich doppelt. Hinter den beiden Piloten des Seat Toledo, Rickard Rydell und Gaststarter Jason Plato, wieder zwei Alfa Romeo, die von Gabriele Tarquini und Augusto Farfus jr. BMW geschockt?

Teilweise, muss man sagen, wenn man auf die Ergebnisse der vierten Saisonstation in Imola schaut. Hier in seiner Heimat taute nämlich der ehe-malige italienische und europäsche Tourenwagen-Meister Fabrizio Giovanardi auf und beendete seine bisherige "Seuchensaison" mit den Plätzen eins und drei. Dabei war er in der Emiglia Romana der Einzige aus dem Alfa-Romeo-Lager, der der BMW-Armada etwas entgegenzusetzen hatte.

Die erste Saisonhälfte wurde nach viel zu langer Sommerpause dann auf der brandneuen Strecke im mexikanischen Puebla beschlossen. Die sehr unkonventionelle, da in ein Oval eingebettete Strecke, hielt einige Über-raschungen bereit, sowohl positive als auch negative. Negativ war z.B. das von beinahe allen Fahrern beschriebene niedrige Gripniveau. Dieses in Verbindung mit den beinahe unmittelbar neben der Strecke verlaufenden massiven Streckenbegrenzungen sorgte im Laufe des Rennwochenendes für diverse Kaltverformungen an den Autos und für viel Frust bei Fahrern und Teams. Die speziellen Bedingungen riefen aber jemanden auf den Plan, mit dem niemand gerechnet hatte. Roberto Colciago konnte sich in einem Honda Accord (!) die Pole Position für den ersten Lauf sichern. Den ersten Sieg schon vor Augen, kam dann aber doch alles anders als erwartet. Schon nach sieben Runden musste der Italiener die Segel streichen und auf ein besseres Gelingen in Lauf zwei hoffen. Doch sein italienisches Temperament bescherte ihm eine 30sekündige Zeitstrafe, die er sich im Zweikampf mit dem Sieger aus Lauf eins, Fabrizio Giovanardi, lieferte. Giovanardi wurde nach dem Sieg in Lauf eins noch Dritter, während der so hoch motivierte Colciago mit Platz 18 zufrieden sein musste. Eine Sensation gab es dennoch: Peter Terting konnte im Seat Toledo, nur knapp drei Jahre nach dem Gewinn des VW Lupo Cups, seinen ersten Sieg in der Tourenwagen-WM feiern.

Halbzeit! Nach einer, bedingt durch die erneut sechs Wochen in Anspruch nehmenden Verschiffung der WTCC-Autos, genau so langen Pause wie vor den Rennen in Mexiko, ging es dann auf die gar nicht so neue aber min-destens genau so abenteuerliche Strecke in Spa-Francorchamps. In zwei actionreichen Rennen ließen die Fahrer aus dem hause BMW wieder nichts anbrennen. Mit einem Dreifachsieg im ersten Lauf meldete man sich nach dem eher durchschnittlichen Abschneiden in Mexiko eindrucksvoll zurück. In Lauf zwei wurde ebenfalls ein BMW als Sieger abgewinkt. Stefano d'Aste, ein Fahrer aus der Independence Trophy, also der Wertung für nicht werksunter-stützte Fahrer, schnitt allerdings die "Bus Stop"-Schikane, sodass ihm der Sieg durch eine nachträglich verhängte 3-Sekunden-Strafe um ganze 0,003 Sekunden an Fabrizio Giovanardi entglitt.

Bei der siebten Saisonstation in der Motorsport Arena Oschersleben geschah dann etwas ausgesprochen Kurioses und ebenso Bewegendes. Während im ersten Lauf noch alles nach Normalität aussah, mit einem Sieg vom eigent-lichen Punktehamster Andy Priaulx, gewann im zweiten Lauf Alessandro Zanardi sein erstes international bedeutendes Rennen seit seinem schweren Crash bei den Champ Cars am EuroSpeedway Lausitz im September 2001. Zusätzlich zu der Tatsache, dass Zanardi der erste Fahrer mit zwei amputierten Beinen war, der ein international bedeutendes Rennen gewann, tat er dies auch noch unweit des Orts, wo er nichtmals vier Jahr zuvor beinahe sein Leben verlor.

Die achte Saisonstation führte dann erstmals nach Asien, genauer gesagt auf den asiatischen Teil der Türkei. Die brandneue Strecke unweit Istanbul nutzte Alessandro Zanardi wiederum dazu, das Podium zu erklimmen, während seine Landsmänner Fabrizio Giovanardi und Gabriele Tarquini, beide Alfa Romeo, jeweils die Rennsiege verbuchen konnten. Der totale Alfa-Romeo-Triumph, ein Vierfachsieg, wurde im ersten Rennen nur durch zwei Reifenschäden in der letzten Runde vereitelt.

In Valencia, der vorletzten Veranstaltung der "neuen" WTCC, sahen die BMW-Mannen dann schon vor der Anreise eigentlich schwarz. Denn nach einem desaströsen Abschneiden in der Tourenwagen-WM im vergangenen Jahr rechnete man sich auch in diesem Jahr nicht viel aus. Die aktuellen BMWs sollten aber durchaus konkurrenzfähig sein, im Gegensatz zu den "Jahreswagen", wie ihn z.B. Marc Hennerici, der zu dieser Zeit Führende der Independence Trophy, fährt. Hennerici: "Mit dem BMW werden wir es dort schwer haben, wegen der Übersetzung". Wie erwartet hatte der 23jährige Bonner es auch schwer, nicht so seine werksunterstützten Markenkollegen. Zwar triumphierte im ersten Lauf auf seiner Heimstrecke Jordi Gene im neuen Seat Leon, aber im zweiten Lauf konnte einen Fünffachsieg von BMW nur Fabrizio Giovanardi verhindern, der den zweiten Platz einheimste. Geprägt wurde das Rennen jedoch durch einen Zweikampf zwischen Andy Priaulx und Dirk Müller, mit dem hart erkämpften besseren Ende für Priaulx. Nach dem Rennen eine kurze Aussprache. Priaulx: "Very hard"- Dirk Müller: "But still fair"- Priaulx: "No, not fair! "

Als es dann nach wiederum mehrwöchiger Pause zum großen Finale nach Asien, diesmal in die Spielerstadt Macau in China, ging, führte Dirk Müller mit 86 Punkten vor Andy Priaulx mit 85 Punkten. Mit 81 Punkten hatte aber auch Fabrizio Giovanardi als einziger Alfa-Romeo-Pilot noch Chancen auf den Titel. Nach Rennen eins war dann aber so gut wie alles entschieden. Durch eine zweiten Platz von Priaulx und gleichzeitig keinen Punkten für Dirk Müller (Kollision mit Nicola Larini), waren die Chancen des Burbachers auf ein Minimum geschrumpft. Fabrizio Giovanardi hatte hingegen keine Chance mehr auf den Titel, da er auch punktlos blieb. Eine Entscheidung war definitiv schon gefallen: BMW ist Markenweltmeister!

In Lauf zwei ging es dann nur noch darum, wer für BMW den Fahrertitel holt, Andy Priaulx oder Dirk Müller. Nachdem Letzterer aber in der "Lisboa Corner" sein Auto in die Reifenstapel stopfte, ging es für Priaulx höchstens noch darum, die Saison mit einem Rennsieg abzuschließen. Doch auch das gelang ihm nicht. Überraschend konnte Duncan Huismann, der jüngere Bruder des aus dem Porsche Supercup legendären Patrick Huismann, einen Sieg für das BMW Team Holland holen.

Der totale Triumph für BMW wurde dann durch den Sieg in der Independence Trophy durch Marc Hennerici besiegelt. Der erst 23 Jahre alte Enkel von Heinz Hennerici konnte damit, nachdem er 2001 eigentlich schon die Renn-fahrerkarriere aufgegeben hatte, seinen ersten international bedeutenden Titel holen, nachdem er sich im Jahr 2003 schon als Meister des Alfa Romeo 147 Cups in Deutschland hatte feiern lassen dürfen.

Mein Glückwunsch geht an diese Stelle also an BMW, Andy Priaulx und Marc Hennerici zu den jeweiligen Weltmeistertiteln!

Was bringt die nächste Saison? Zunächst Mal einen unerfreulichen Ausstieg. Alfa Romeo wird sich im Jahr 2006 definitiv werksseitig aus der WTCC zurückziehen. Umso erfreulicher ist es, dass Lada werksseitig einsteigt. Erfolge sind aber von den Osteuropäern nicht zu erwarten. Das zeigen die Erfahrungen von z.B. Seat und Chevrolet in den vergangenen Jahren. Lada wird wohl im kommenden Jahr nahtlos die Rolle übernehmen, die Ford in diesem Jahr gespielt hat. Ford wiederum wird sich vom Hinterbänkler zumindest mal in das vordere Mittelmaß schieben. Seat wird die "zweite Kraft" neben BMW, zwischen Seat und Ford sehe ich noch Chevrolet.

Am ersten April-Wochenende 2006 werden wir dann sehen, ob das alles auch in der Realität so aussieht, denn der Motorsport hält ja immer Überraschun-gen parat! Ich hoffe, die mehr als fünf Monate des Wartens werden nicht all zu lang.

Mit motorsportlichem Gruß
Michael Bräutigam

www.michaelbraeutigam.net.ms/

WM-Endstand nach
20 Rennen
1
Prilaux
101
2
D. Müller
86
3
Giovanardi
81
4
Farfus
64
5
J. Müller
59
6
Ryddell
56
7
Tarquini
55
8
Thompson
53
9
Gacia
51
10
Zanardi
35
11
Gené
32
12
Terting
30
13
Menu
15
14
D. Huisman
13
15
Coronel
11
16
Plato
10
17
Laraini
9
18
D'Aste
8
19
Colciago
4
20
Huff
3
21
Ortelli
3
22
Carol
1
21
Carol
1
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